Interview mit Taichi-Meister Ma Jiangbao

 

 

Der chinesische Taichi Chuan-Meister Ma Jiangbao unterrichtet seit 15 Jahren in Westeuropa. Sein Urgroßvater begründete vor über 100 Jahren einen eigenen Stil, der sich nun schon in der fünften Generation fortsetzt. Der momentan in Rotterdam lebende Ma unterrichtet unter anderem an der Düsseldorfer Schule „Taichi im BilkCenter“.

 


AIRtime:

Inwiefern trägt Taichi Chuan zur körperlichen und geistigen Stärkung bei?

 

Ma Jiangbao:

Heute steht beim Taichi Chuan die Gesundheit im Vordergrund. Der Körper wird sanft trainiert. Durch entsprechende Atemübungen und deren ruhige, langsame Ausführung stellt sich ein Meditationseffekt ein. Taichi bedeutet die Harmonie von Yin und Yang. Der helle Teil, das Yang, ist die Bewegung, Yin, der dunkle, die Ruhe. Der Kreis um beides symbolisiert also gleichzeitig äußere Bewegung und innere Ruhe. Taichi Chuan ist eine Kampfkunst mit diesem Hintergrund.

 

AIRtime:

Heißt das, dass man Wu Taichi Chuan auch zur Verteidigung nutzen könnte?

 

Ma Jiangbao:

Wenn man sehr gut ist, schon. lnnerhalb der Partnerübungen wird gelehrt, nicht gegen, sondern mit den Bewegungen zu gehen. So lassen sich die Kräfte umlenken und gegen den Angreifer richten. Dieses Neutralisieren, das ,Lü‘, ist eine wesentliche ldee beim Wu-Stil. Heutzutage liegt der Schwerpunkt allerdings eher auf der Meditation.

AIRtime: Welche Resonanz erhalten Sie von lhren Schülern in Westeuropa?

 

Ma Jiangbao:

Viele, die früher von der Arbeit immer sehr müde waren, fühlen sich nach ihren Übungen munterer. lch hatte mal einen Pianisten als Schüler, der aufgrund von Gelenkentzündungen seine Passion aufgeben musste. Nach zwei Jahren Taichi Chuan konnte er wieder spielen. Taichi lockert den Kürper, was auch gerade bei Leuten, die viel am Computer sitzen, hilfreich ist. Es kompensiert die einseitige Belastung und den Stress. Es hilft auch gegen die Nervösität, die ich hier häufig beobachte.

 

AIRtime:

Welche körperlichen, finanziellen oder sonstigen Voraussetzungen muss man mitbringen?

 

Ma Jiangbao:

Eigentlich keine besonderen. Die Fitness kommt von ganz allein beim Taichi. Wir beginnen ganz langsam und steigern dann das Programm. Mein Vater hat z. B. bis zu seinem Tode im Alter von 97 Jahren noch viel geübt. Lockere Sportbekleidung, weiche Schuhe und ein bisschen Platz genügen für das Training. Wichtig ist natürlich auch ein guter Lehrer.

 

AIRtime:

Welche kulturellen Unterschiede zwischen China und Europa fallen lhnen besonders auf?

 

Ma Jiangbao:

Die Europäer sind zwar sehr angetan von Taichi, praktizieren es aber ausschließlich in den Kursen, also oft nur eine Stunde in der Woche. Sie müssten aber viel mehr zuhause trainieren. In China ist das anders. Dort ist es sehr verbreitet und wird meist morgens in einem Park geübt, weil die Wohnungen zu klein sind. Taichi oder Wushu allgemein gehören dort zum Alltag. Dafür trainieren die Deutschen, wenn sie denn trainieren, sehr gut und diszipliniert.

 

 

(Auszug aus „Fernöstliche Wege zur Einheit von Körper und Geist“, Magazin AIRtime, 4/2000)

 

 


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